Brief aus Paris

Paris, 13. April

 Es neigt sich hier alles zur Entscheidung des großen politischen Problems. Die auswärtigen und einheimischen Feinde der Republik haben endlich, wie es scheint, vermittelst Bestechung jenen verzweifelten Zustand zuwege gebracht, welcher die Nation noch einmal in den heftigsten Revolutionskampf versetzen wird. Gebe nur der Himmel, daß es der letzte sei, und daß er seinen Endzweck erreichen möge. Je mehr man in die Geheimnisse der hiesigen Intrige eingeweiht, oder besser, je näher man mit dem ekelhaften Labyrinth bekannt wird, worin sich hier alles windet und dreht, desto mehr kalter Philosophie bedarf man, um nicht an allem, was Tugend heißt, zu verzweifeln, und um ruhig von der Gerechtigkeit des Himmels guten Ausgang zu erwarten. Es fehlte noch nach allem, was ich die letzte Zeit gelitten habe, daß mir die Überzeugung in die Hände käme, einem Unding meine letzten Kräfte geopfert und mit redlichem Eifer für eine Sache gearbeitet zu haben, mit der es sont niemand redlich meint, und die ein Deckmantel der rasendsten Leidenschaften ist. Es ist also wahr, daß heutzutage die Uneigennützigkeit und die Freiheitsliebe bloße Kinderklappern sind, bloße nichtssagende Töne, bloß geheuchelte Empfindungen im Munde derer, die jetzt das Schicksal der Nationen lenken? Es ist also wahr, daß der Egoismus ganz allein sein Spiel treibt, wo man reine Aufopferung zu finden hoffte? Wahr, daß zwischen Betrügern und Betrogenen kein Drittes zu finden ist, woran man sich halten, sich anschließen könnte? Gewiß gehört Mut dazu, diese so fürchterlich sich aufdringende Betrachtung zu ertragen, und dann, im eigenen Bewußtsein verhüllt, an Menschheit und Wahrheit noch zu glauben.

 

Georg Forster, Brief aus Paris, 13. April 1793

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Ein halbes Jahrhundert deutsch-französischer Dialog rund um die Kunst – und von ihrer Notwendigkeit

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Roma

 

Werner Spies zum 80. Geburtstag

 

von Fritz Wertheimer

Als erratische Gestalt muß der Autor, Ausstellungsmacher und Kunstkritiker Werner Spies erscheinen, blickt man auf seine der Literatur, der Kunst und der deutsch-französischen Verständigung gewidmete Lebensspanne von nun einem halben Jahrhundert. Von der Nachkriegszeit mit der so notwendigen neuen Annäherung der beiden Nationen bis heute, einer Zeit kritischer Befragung der europäischen Idee samt ihrer Krisenstimmung bekommt die energetische Unablässigkeit, mit der Werner Spies französische Literatur und Kunst in Deutschland bekannt machte und zunehmend deutsche Künstler den Franzosen nahebrachte etwas nahezu Symbolisches.

Diese Vermittlung, die auf die Brillanz und Finesse einer Sprache setzt, die ein Vibrato gedanklicher Reflexion auszulösen imstande ist, trägt zugleich eine Ansprache an das Gemüt in sich, die die Faszination des Autors für die Kunst aber auch für Frankreich an den Leser überträgt.

Diese elektrische Kapazität die im Verhältnis von Erzähler und Leser den Wortstrom speist, mag in der frühen Beschäftigung mit der Sprachgewalt der Werke französischer Literatur ihren Ausgang nehmen, die Spies mit Autoren wie Marguerite Duras, Natalie Sarraute aber auch Samuel Beckett früh in Deutschland bekannt machte. Aber man geht kaum fehl, der großen Vertrautheit mit der französischen Kultur in diesem unablässig neu sich Bahn schaffenden Schöpfen neuer, ungedachter Gedanken und Worte einiges zuzumuten. Schreiben, Kuratieren, sich ohne Pausen einmischen in den Dialog der Kunst kommt demjenigen, der dieses elixierhafte Produzieren miterleben konnte, als notwendiger Lebensvollzug eines von seiner Neugierde getriebenen vor. Mit einem Basislager naher der Pariser Metropole, mit einer französischen Familie und vorallem seiner Frau, Monique, ist ihm Französisches zwischen intellektueller Inanspruchnahme und kulinarischer Horizonterweiterung ebenso vertraut wie ihm die schwäbische Seele mitgegeben ist. Es könnte ein Stück weit darin beschlossen liegen, wenn Werner Spies alles andere als der nivellierende, auf kaum fröhliches und nur friedliches Mit- oder Nebeneinander setzende Kulturvermittler ist. Sein Beharren auf der – die Spannung und die Faszination erhaltende – Differenz ist der Erkenntnis um die Vielfalt geschuldet, deren gegenseitige Akzeptanz genau diese Gewissheit bedingt. Der kategorische Imperativ der Deutschen, Oberammergau und Guillotine; da sollen sich ruhig die Geister scheiden.

Es mag, über alle Fraglosigkeit hochkünstlerischer Ausnahmeerscheinung hinaus, einen Zusammenhang geben, zwischen dem deutsch-französischen Balanceakt seiner Biographie – einschließlich seines Ausnahmedirektorats des Pariser Centre Pompidou – und der magnetischen Begeisterung für Künsterfiguren, die über nationale Färbungen hinwegarbeiten. Max Ernst und Pablo Picasso haben ihn nicht nur zeitlebens zu einer herkulischen Arbeit zu ihren Oeuvres herausgefordert. Die enge Vertrautheit und Freundschaft ermöglichten Einblicke in die Geheimlabore der Künstler mit ihren nie versiegenden Imaginarien. Für einen Wortalchimisten  wie Spies ein Stoff, der ihn bis heute beschäftigt. Man scheint davon nicht loszukommen, so wenig wie von den Bordelle und Beichtstühle bevölkernden Geistern, die Spies zuletzt in einem von Piet Meyer besorgtem Geburstagsbändchen (Picasso zwischen Beichtstuhl und Bordell) beschwört. Die bedrohliche Gravitas eines Katholizismus, die eine rückblickende Vergewisserung ja auch entschärfen mag, konfrontiert sich hier erneut und ultimativ mit der Befreiung der Moderne.

Eine aus den Jahrzehnten des Umgangs mit Max Ernst und der Arbeit an seinem vielbändigen Werkverzeichnis erwachsene Verantwortung bedeutet aber zugleich die Last des hierzu in allen Fragen angegangenen.  In dem 400 zu 7-Skandal (entlarvte und verkannte Fälschungen) ging es zuletzt und eher unbewusst im eigentlichen um die Frage, was denn kennerschaftliche Urteile sein mögen. Man könnte der öden Langeweile juristischer Definition vom Urteilen den uralten Diskurs zum Connoisseurship entgegenhalten, das ganz persönliche und eben nie absolute Einschätzen der Sachlage, das nicht mehr als gut fundierte Meinung sein kann. Auch das gehört zur heutigen Krise europäischen Geistes, sich für Meinungen vermeintlich verantworten zu müssen. Abgehakt.

Der immer wieder als Kunstpapst Titulierte scheint uns alles andere als das, auch nicht Kardinal des Heiligen Offiziums kunsthistorischer Wahrheiten, der anderes verböte. Spies schreibt keine Bullen, eher noch eröffnende konfuzianische Weisheiten, die jeder zu interpretieren hat. Die zahlreichen Kabinettstücke, etwa für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, sind keine hegelianischen Gewissheiten. Fast eher noch streifen die Texte die Grenze zu surrealistischen Tiefseetauchgängen ohne Helm.

Und dann bedürfen wir doch dieser ganz individuellen Beobachtungen, Frucht auch historischer Erkenntnisse, wie sie sich in dem Kaleidoskop von „Auge und Wort“ der zehnbändigen Werkausgabe niedergeschlagen haben. Vor diesem monumentalem Fonds, einer Mischung aus asystemischer Enzyklopädie der Geschichte der Moderne und Lesebuch ohne Ende, zeigt sich das Spalier der Künstler, die Werner Spies beschäftigt haben und immer neu beschäftigen, als individuelle Verdichtungen einer sich fortschreibenden Kunstgeschichte, die ihre Neugierde auch an Aktualität nicht stillen kann. Warhol, Roberto Longo, Christo, Fernando Botero, Peter Lindbergh, Andreas Gursky, Neo Rauch und viele andere haben in Werner Spies‘ Visionen vermutlich etwas untergründig Verbindendes. Und nicht von ungefähr ist ihm die schwer fassbare Explosion des Surrealismus eine Art Urquell jeglicher Modernität, der sich weder in akademisch lexikalischen  Kategorien annähern lässt noch einer Linearität kunsthistorischer Entwicklung unterstellt werden kann.

Das probate Mittel bleibt die neugierige, jeweils erneute Einlassung. Und wir freuen uns zum 80. Geburtstag auf die all‘ die Fortsetzungen, die Werner Spies uns aus jeder Notwendigkeit des Lebensvollzugs heraus verspricht.  Joyeux Anniversaire Werner Spies.

Aufstand in der Nacht – Die Aufrechten und die Operation debout

Morice

pour Guillaume, il y a de quoi…

Paris im April, der 9. des Jahres 2016 – Während sich in den vergangenen Jahren die Politik mit staatstragender Verve so wesentlichen Fragen wie Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare (bzw. für die 0,5% der Interessierten der x % „Gleichgeschlechtlichen“), Strafmandate für Kunden des sog. horizontalen (wie einfallslos) Gewerbes oder Fahrverbotszonen, nein, nicht für Präsidenten auf dem Moped, zweifellos das Volk spaltend in die Medien drängte, während ferner mit der gefühlt hundertsten Schul- und dann auch noch Sprachreform Anlaß zur Simulation unentbehrlicher Geschäftigkeit (für das Wohl des Volkes) gesucht wurde, während diesen Zeiten hat die Realität die Realitätsferne politischer Selbstinszenierung eingeholt. Ein Staat, der es sich leisten will, einen Großteil seiner Bürger im Staatsdienst zu beschäftigen (und dafür immer wieder Gründe gegenüber den anderen Großteilen meint anführen, ja regelrecht erfinden zu müssen), leidet derzeit an essentielleren, das Leben im Wortsinne betreffenden Problemen, der Identitäten und der körperlichen Unversehrtheit.

Die seit einigen Nächten auf der Pariser Place de la République mehr improvisierten denn inszenierten Versammlungen unter dem Schlagwort „Nuit debout“ sind ein Schlag ins Gesicht des politischen Establishments. Das scheinbar immerwährende Projekt der Arbeitsrechtreform (hier des Gesetzes „El Kohmri“, nach einer Ministerin mit scheinbar opportunen Merkmalen) mag Auslöser gewesen sein. Doch mit den Pariser Attentaten und den echten, informellen oder vorauseilend scheinbares Volkesempfinden einholenden Zeremonien ist die Place de la République einmal mehr zum symbolischen Ort geworden. Die nunmehr ohne Unterlaß seit Tagen des nächtens lebendig werdende „Initiative collective“ ist eben nicht eine der üblichen „Manifestations“, die zumeist einen Organisator, Agitator oder Initiator als hintergründige Anschubenergie benötigten. Kein zum fragilen Leben erwachter Untoter immerwährender Rechtslinksdialektik. Ungleich lebendiger, doch schon auch in Manier des Londoner Hydeparks, sozuagen als Speekers Place, kann man sich hier in Listen eintragen, zur freien Rede über das Thema seiner Wahl. Bei aller Atmosphäre, das zwischen Straßenfest und Demonstration als meist friedliche doch bisweilen fröhlich traurige Gesellschaft daherkommende läßt aufhorchen.

Als „societé comme une famille“ umschreibt Antoine das Miteinander und das idealistische Ziel der hauptsächlich jungen Generation, unter die sich hier und da sog. Best-Agers und lebenserfahrende Citoyens mischen. Die Videos sind durchweg sympathisch, nahezu zivilisiert (Bericht von Will Smith und Marion Mertens auf Paris Match von heute, dem 9. April: http://www.parismatch.com/Actu/Societe/Nuit-debout-preavis-de-reve-place-de-Republique-942453). Bewundernswert – trotz einiger, vielleicht ja auch notweniger Eingriffe polizeilicher Staatsmacht – wie wenig aggressiv und geordnet informell eine Generation und mehr sich ihrer Ansichten vergewissern. Umso mehr, als der Ausschluß üblicher Kanäle der Informationsverbreitung zeigt, daß die Bekundung politischen Willens nicht als Persönlichkeit und Individualität planierende Parteizusammenschlüsse daherkommen müssen. Und es ist gerade dieser untergründige, die Gemeinsamkeit als Ausfluß der mehr oder minder großen Lebenserfahrung erweisende Zusammenhalt, der fasziniert und, deutet man weiter, auch ängstigen kann. Die politische Kaste jedenfalls hätte allen Anlaß sich zu befragen.

Freilich, es gibt ein „Comité d’action“, wie ja fast jeder Lebensbereich heuer von einem Komitee beleuchtet wird, oftmals mit dem konfusen Ergebnis der Verschüttung. Ein Mindestmaß an Regelwerk muß sein. „Etwas neues schaffen“, hört man immer wieder, fragt man nach dem oder den Zielen der Teilnehmer. Das zielt im Kern auf nie Dagewesenes und ist Ausdruck einer grundlegenden Unzufriedenheit mit einem Status Quo der sich täglich zu ändern scheint und doch unbeweglich festgefahren das Gefühl einer bleiernen Zeit vermittelt, den Eindruck verschwendeter Lebenszeit, der gerade für die junge Generation kaum akzeptabel ist. Und in der Tat, gegenüber den Strukturen, verkrustet oder undurchschaubar, etabliert sich hier ein widerständiges Model. Das ist nicht ohne Vorläufer, denkt man an den überschaubaren, oft gewalttätigen Aufstand zu vielerlei Gelegenheiten, der als symbolische Versammlung ausschließender, opponierender Mächte verstanden werden kann, sei es zu Themen des globalen Finanzwesens, der lehmhüttenanfälligen geopolitischen Friedensarchitekturen, der Heilversorgung der Bevölkerung, der erlahmten Ökobewegung oder globaler Sportereignisse, die als nichts anderes mehr denn als Causa finalis kapitalistischer Machtkonglomerate zwischen FIFA und Nike erscheinen. Diese, an vielerlei Orten zwischen Genua, Frankfurt und Hongkong verdichteten und ephemeren Zusammenschlüsse scheinen sich hier, an mehrfach symbolträchtigem Ort auf ganz andere Art zu verstetigen.

„Sciences debout“ wandelt eine junge Historikerin das Leitbild ab, mit der Aufforderung „stellen Sie mir Fragen“. Ja, man will gefragt werden, wozu all‘ die Semester des Lernens und der Bildung eigener Persönlichkeit nutzen können müßten. Die „Entscheider“ fragen den Anonymus nur noch bei medial verwertbaren Gelegenheiten, auf Landwirtschaftsmessen, in telegenen Fragerunden oder, schließlich, auf dem Zettel zur Wiederwahl. Nicht zu reden von einem Befragen der Geschichte, auf den vielen Spaziergängen durch die Wandelhallen der Ausgeburt des Patrimoine, des Louvre, die nur wegen Kamerapräsenzen im Defilee als Fata Morgana hochgehaltener Nationalgeschichte erscheinen.

Belgische Krankheit, fatalistische Ignoranz oder systemimmanenter Kollaps?

Als hätte es niemand wissen können. Welche Beschränktheit die (gierig auf Kapital starrenden) Unterhändler der Globalisierung befallen haben muß. Die Masse der nun eben globalen Friktionen innerhalb und zwischen den Gesellschaften und Kulturen wäre leichthin für jeden denkenden Menschen auszumalen gewesen. Das war schon in den 80ern, auch auf akademischem Terrain thematisch, man muß nur die Bücher und Forschungsergebnisse seiner zunächst subventionierten und dann ausgebeuteten Bürger wahrnehmen. Politikversagen geschlossenen Auges, ja fast aller Orten. Und auch die Digitalisierung, von der Politik meist als Datendurchsatzwirtschaftsförderungsinfrastruktur mißverstanden, ist Teil, Motor, Horrorszenario und Befreiungspolitik in diesem Kontext.

Freilich, auf Facebook und Google verschafft man sich nicht wirklich Gehör, allenfalls ein paar infantile Sternchen in der Plastikwelt virtueller Betäubungsmedikationen. Auch Debout zeigt hier Präsenz (https://www.facebook.com/convergencedesluttes31M/); ist das verdächtig oder Mittel der Wahl? Auf der anderen Seite – erwachsen, taktisch geschickt genutzt, das ist nicht nur für Terrornetzwerke gedacht – ermöglicht die Technik des fruchtbar gemachten Flashmobs eine neue Art der Selbstorganisation und verunmöglicht die Kontrolle über die Informationsverbreitung zu gerne gehüteter Geheimnisse oder beschwiegener Offensichtlichkeiten. Dieser horizontalen Durchdringung (wir wissen alles, zugleich, an jedem Ort) steht eine vertikale Grenzziehung zur Seite. Nun ist es nicht so, daß sich im Pariser Osten die dauerhaft verkabelten, infantilisierten Zombies virtueller Daumenkinos versammeln. Ganz neue soziale Klassen lassen sich hier definieren, die des (erwachsenen) Bankers, der seine Zeit mit smartphonegerechten Kinderspielen im Weingummidesign umbringt, und die des Arbeitslosen, der mutig das Mikro und Wort auf der Place ergreift. Auch wenn die mit der Massenverblödung erwirtschafteten Milliardengewinne alltägliches Thema von Medien und Politik sind, gar in die Wissenschaften als buntbebildertes Panoptikum innovativer Oberflächenvermarktung eingezogen ist, es gibt auch wieder das Ideal des Schäfers, der in den Pyrenäen keinen Empfang hat, und selbst des Städters, den nächstens bei Regen in einer der größten europäischen Metropolen ein Unwohlsein am Leben und seinen Zuständen, nein, nicht herauskotz sondern formuliert. Man will gehört werden, da sind Smileys, mit oder ohne Kopftuch, da ist das Schminkvideo auf Youtube und die gravitätische Bekundung des Dafür oder Dagegen auf Facebook längst als Surrogat und kassemachender Betrug erkannt. Das macht nur noch den Erdogans dieser Welt Angst.

Zellteilung im Netzwerk leibhaftiger Körper

Nun hat diese leibhaftige Aktion schon auf’s Land übergegriffen, und albern zu glauben, es handele sich um ein französisches Phänomen. Jede französische Stadt hat ihre Place de la République aber auch anderen Ortes gibt es Plätze himmlischen Friedens und Berliner Freiheiten, zwischen Bosporus, Copacabana und panamaischer Playa Blanca. Vielleicht hat es aber auch nur den Anschein, daß sich die Katastrophen häufen und dies am neuen Röntgenblick der Informationsgesellschaften liegt. Doch Umstände verändern Mentalitäten, auch ganz individuelle, und so steht zu befürchten, daß die Krankheit von Eigennutz und Selbstverliebtheit nicht nur die Oberflächen von Selfie-versessenen befallen hat, tiefer reicht und ganz im Sinne der republikanischen Parole unabhängig von Alter, Geschlecht (und seiner Orientierung), Rasse und Herkommen, Religionen und allen anderen Distinktionsmerkmalen zum individualgesellschaftlichen BSE mutiert ist. Debout ist dann so etwas wie der Versuch einer Frischzellenkur abseits der Metastasen, eine neue Zellteilung, die freilich ein Drängen zur Bildung eines neuerlichen, organisierten Organismus drängt. Weg vom gebückten Kriechgang, abseits kriecherischer Schleimspuren, auf denen zum Ende der Bewegung man nur ausrutschen kann, hin zum aufrechten Gang der Spezies Homo sapiens.

 

Parteinahmen

Ja, man mag das auch als Versuch ansehen, sich gegen etwas zu wehren, was man mit einem gros mot verrottet (krank), mit Contenance festgefahren nennen mag. Sind die Dinge, gegen die man sich ausspricht, im Falle der bundesdeutschen Pegida und der republikanischen Nächte auch nicht so verschieden, die Pariser Praxis jedenfalls gewinnt durch die Vermeidung einer Parteienbildung, der Ausbildung einer Truppe, die das persönliche Wollen immer unter den Apparat schlägkräftigender Konformität stellen muß. Das hat auch historische Ursachen, wenn Geschichte außerhalb von Klassenräumen und Touristenunterhaltung noch interessieren sollte. Lernen Sie selbst.

„Selbst in der Schule weiß man das Denken der Kinder nicht besser anzuregen, als sie dazu aufzufordern, Partei zu ergreifen, pro oder contra“. … „Fast überall ist die Operation des Partei-Ergreifens, der Stellungnahme für oder gegen etwas an die Stelle der Operation des Denkens getreten“. Das ist, wenn auch heute sehr zutreffend, keine Stellungnahme gegen den  (Tugend-)Terror einer derzeit aus der Vernunft gefallenen öffentlichen Meinung, bei der auf Twitter und was da sonst noch Geräusche macht jeder ungefragt seine sogenannte Meinung absondert, oft zum echten Schaden echter Menschen; eine sich selbst kaum noch bewußte, geschweige verständliche Agitation von letztlich doch wieder sich selbst bewußten Mächten eines Kollektivs. Gemeinsam anonym sind wir stark, die Mathematik wird’s richten, im Verein mit kalkulierender Politik, die sich ja wohl auch verrechnen kann. „Wenn aber die Zugehörigkeit zu einer Partei immer und in jedem Fall zur Lüge zwingt, dann ist die Existenz der Parteien absolut und bedingungslos ein Übel“. Für den Ausdruck solcherart Politikverdrossenheit und (Ver)zweifeln an der Demokratie hatte Simone Weil sicher andere, gewichtigere Gründe. „Dass wir nie etwas gekannt haben, das auch nur entfernt einer Demokratie ähnelt“, schreibt sie nach dem zweiten Weltkrieg und noch vor den Pariser Straßenkämpfen, 1957 (Note sur la supression générale des parties politiques, <dt.> Zürich & Berlin 2009).

Einer der Slogans dieser Tage heißt „Rêve générale“, in Anspielung an eine positive, vielleicht ja fruchtbarere Wendung der endlosen Streiks (grêves). Unter den Augen der durchaus an Bartholdis Lady Liberty erinnernden Marianne von Léopold Morice gemahnt dieses Mouvement populaire avant la lettre an ein „I had a dream“, und man mag diesem auf gewisse Dauer und variierende Wiederholung angelegten Miteinander keine Erfahrung wünschen, wie sie die Pariser Kommune am selben Orte erlebte. Gleichwohl, Konsequenzen, Mouvement wären schon schön.

M.C.

Republique_Place

Nachtrag aus Paris

Erschrocken über das so tragische, kurzfristige und zielgenaue Einholen der Titelei des letzten Beitrags durch die Pariser Ereignisse vor wenigen Tagen, zwingt mich das schlechte Gewissen zu einem Nachtrag. Die vielleicht zu leichtfertig gewählten Worte lassen sich nicht zurücknehmen.

Mit einer Sensibilisierung für die Geschichte das Zukünftige besser, das heißt erfahrener denken zu können, war die Absicht der Mitteilung. Das betrifft vor allem Aspekte, die von den Betreibern einer Globalisierung in fast blinder Konzentration auf das Ökonomische ausgeblendet wurden und werden. Die folgenreiche Konfrontation ungleicher Finanz- und Wirtschaftssysteme ist zugleich die Konfrontation von Wertesystemen, Lebensauffassungen und symbolischer Reservoire verschiedener, ähnlicher aber bisweilen auch nicht zu vereinbarender, schon in sich oft heterogener Gesellschaften. Das manifestiert sich heute besonders in Bildern, Bilder, die in Krisen ihre Schlagkraft umso eindringlicher bezeugen, je mehr Menschen sie erreichen. Das ist heute grenzenlos.

Wer in einer bedrohlichen Lage nicht handelt, hat schon verloren. Handeln kann jedoch nur derjenige, der eine Vorstellung davon hat, was er will. Das Heft in der Hand behalten meint also auch, eine Zielgröße zu haben, für die das Handeln eintritt. Diese basiert auf Wertvorstellungen. Die symbolischen Bilder halten uns diese Werte im Dreiklang verblüffend selbstverständlich vor Augen. Doch mit Plakaten ist wenig erreicht. Es ist, als ob man sich der Werte erst dann bewußt wird, wenn sie im Kern getroffen sind. Im alltäglichen Lebensvollzug scheinen sie keine Rolle mehr zu spielen, im Gegenteil, Untugenden sind die neuen, auch von den Medien und der sogenannten öffentlichen Meinung behaupteten Tugenden. Durchsetzungsvermögen abseits von Unternehmensfusionen ist auch denkbar. Als grundlegende weil konstituierende Werte einer Kultur sollten die tatsächlichen Tugenden dieser inhärent sein. Rudimente scheinen vorhanden. Sie sind Ergebnis abendländischer Kultur und haben damit ein Herkommen, von der römischen Republik und dem Christentum mühselig, mit vielen Irrwegen entwickelt. Sie müssen jeweils auf’s neue vermittelt werden. Man sollte sich darüber klar sein, ob man für diese Werte eintreten will, oder, wenn man so will, zu kämpfen bereit ist. Die Alternative ist Aufgabe, Selbstaufgabe oder das Auswechseln von Werten, über die zu diskutieren wäre. Freiheit als Wert ist über die Gewöhnung zum selbstverständlichen Status Quo zerronnen, im Handeln längst durch weniger hehre Werte ersetzt. Doch anderen Werten zu frönen basiert wesentlich auf diesen Kernwerten ohne die Vermögen kein Vermögen mehr ist.

Das trifft in den Kern Europäischer Identität, die sich oft nur in Oberflächenpolituren beschwört und die mehr sein muß, als Währungsfragen und Haushaltsbalancen. Das ist ohne geschichtsbewußtes Sein ein aussichtloses Unterfangen, ja schürt mit derzeitigem politischem Agieren das Gegenteil, nämlich Aversionen gegen das, was man den Menschen als Europa verkauft wird.

Die Frage ist auch, wer handelt und darüber seine Gemeinsamkeiten definiert, nach Außen zeigt und vertritt. Es ist im höchstem Maße unehrenhaft (auch so ein altertümlicher Begriff, hinter dem sich Werte auftun, die manchem schon die Röte der Peinlichkeit ins Gesicht treiben), mit hundertmal gehörten Sonntagsreden nur so zu tun, als ob es ein Miteinander gäbe. Wozu all‘ die teuer bezahlten Arsenale der Verteidigung abendländischer Freiheit, wenn sie nur von haushälterischen Krämerseelen verwaltet werden? Daß Frankreich sich irritiert über das Ausbleiben tatsächlicher Brüderlichkeit benachbarter, befreundeter (und historisch im Höchstmaß verflochtener) Staaten irritiert zeigt, legt offen, wie weit es mit europäischer Identität her ist. Dies ist dann mal nicht nur Politikermeinung, nein, die Menschen in Paris nehmen dies genau so wahr.

Beispiele für solcherlei mehr oder weniger halbherziger Koalitionen zur Wahrung eigener (nationaler?) Interessen gibt es zuhauf.

Lernen wir aus der Geschichte oder nutzen wir sie ab und an als Steinbruch, mit dessen Splittern wir unehrenhafte Interessen untermalen?

„Im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1095 wurde auf französischem Boden ein großes Konzil gefeiert, und zwar in der Auvergne, in einer Stadt namens Clermont. Den Vorsitz führte Papst Urban II., begleitet von römischen Bischöfen und Kardinälen. Dieses Konzil war von Bischöfen und auch Fürsten aus Frankreich und Deutschland ganz ungewöhnlich stark besucht. Nachdem die kirchlichen Angelegenheiten erledigt waren, ging der Herr Papst auf einen weiträumigen Platz hinaus. … Hier setzte der Papst zu folgender Ansprache an, die sich voll Überzeugungskraft und Redekunst an alles und jeden wandte:

-Ihr Volk der Franken, ihr Volk nördlich der Alpen, ihr seid, wie eure vielen Taten erhellen, Gottes geliebtes und auserwähltes Volk, herausgehoben aus allen Völkern durch die Lage des Landes, die Katholizität des Glaubens und die Hochschätzung für die heilige Kirche. An euch richtet sich unsere Rede, an euch ergeht unsere Mahnung; wir wollen Euch wissen lassen, welcher traurige Anlaß uns in euer Gebiet geführt, welche Not uns hierher gezogen hat; sie betrifft Euch und alle Gläubigen. Aus dem Land Jerusalem und der Stadt Konstantinopel kam schlimme Nachricht und drang schon oft an unser Ohr: Das Volk im Perserreich, ein fremdes Volk, ein ganz gottfernes Volk, eine Brut von ziellosem Gemüt und ohne Vertrauen auf Gott, hat die Länder der dortigen Christen besetzt, durch Mord, Raub und Brand entvölkert und die Gefangenen teils in ein Land abgeführt, teils elend umgebracht; est hat die Kirchen Gottes gründlich zerstört oder für seinen Kult beschlagnahmt. Sie beflecken die Altäre mit ihren Abscheulichkeiten und stürzen sie um; sie beschneiden die Christen und gießen das Blut der Beschneidung auf die Altäre oder die Taufbecken. Denen, die sie schändlich mißhandeln und töten wollen, schlitzen sie den Bauch auf, ziehen den Anfang der Gedärme heraus, binden ihn an einen Pfahl und treiben sie mit Geißelhieben so lange herum, bis die Eingeweide ganz herausgezogen sind und sie am Boden zusammenbrechen. Sie binden manche an Pfähle und erschießen sie mit Pfeilen. Sie ziehen manchen den Hals lang, gehen mit bloßem Schwert auf sie los und versuchen, ob sie sie mit einem Streich köpfen können. Was soll ich von der ruchlosen Schändung der Frauen sagen? Davon reden ist schlechter als schweigen. Schon haben sie das Griechenreich verstümmelt und sich ein Gebiet einverleibt, das zu durchwandern zwei Monate Reise nicht hinreichen.

Wen anders obliegt die Aufgabe, diese Schmach zu rächen, dieses Land zu befreien, als euch? Euch verlieh Gott mehr als den übrigen Völkern ausgezeichneten Waffenruhm, hohen Mut, körperliche Gewandtheit und die Kraft, den Scheitel eurer Widersacher zu beugen. Bewegen und zu mannhaftem Entschluß aufstacheln mögen euch die Taten eurer Vorgänger, die Heldengröße König Karls des Großen, seines Sohnes Ludwig und eurer anderen Könige. Sie haben die Heidenreiche zerstört und dort das Gebiet der heiligen Kirche weit ausgedehnt. … Ihr überaus tapferen Ritter, ihr Sprößlinge unbesiegter Ahnen, entartet nicht, sondern denkt an die Tatkraft eurer Vorfahren! Wenn euch zärtliche Liebe zu Kindern, Verwandten und Gattinnen festhält, dann bedenkt, was der Herr im Evangelium sagt: Wer Vater und Mutter mehr als mich liebt, ist meiner nicht wert; jeder, der sein Haus, Vater, Mutter, Gemahlin, Kinder oder Äcker um meines Namens willen verläßt, wird Hundertfältiges erhalten und ewiges Leben haben.

Kein Besitz, keine Haussorge soll euch fesseln. Denn dieses Land, in dem ihr wohnt, ist allenthalben von Meeren und Gebirgszügen umschlossen und von euch beängstigend dicht bevölkert. Es fließt nicht vor Fülle und Wohlstand über und liefert seinen Bauern kaum die bloße Nahrung. Daher kommt es, daß ihr euch gegenseitig beißt und bekämpft, gegeneinander Krieg führt und euch meist gegenseitig verletzt und tötet. Aufhören soll unter euch der Haß, schweigen soll der Zank, ruhen soll der Krieg, einschalfen soll aller Meinungs- und Rechtsstreit! …

Die Königsstadt Jerusalem also, in der Erdmitte gelegen, wird jetzt von ihren Feinden gefangen gehalten und von denen, die Gott nicht kennen, dem Heidentum versklavt. Sie erbittet und ersehnt Befreiung, sie erfleht unablässig eure Hilfe. Vornehmlich von euch fordert sie Unterstützung, denn euch verlieht Gott, wie wir schon sagten, vor allen Völkern ausgezeichneten Waffenruhm. Schlagt also diesen Weg ein zur Vergebung eurer Sünden; nie verwelkender Ruhm ist euch im Himmelreich gewiß.-

1107 verfaßter Bericht des Benediktiners Robert von Reims von der Synode in Clermont-Ferrand 1095.

 

Edmund Burke, 1790, Betrachtungen über die Revolution in Frankreich, zur Enthauptung der Königin Marie-Antoinette:

„Ich hätte geglaubt, zehntausend Schwerter müßten aus ihren Scheiden fahren, um einen Blick zu bestrafen, der sie zu beschimpfen drohte. Aber die zeiten der Rittersitte sind dahin. Das Jahrhundert der Sophisten, der Ökonomisten und der Rechenmeister ist an ihre Stelle getreten, und der Glanz von Europa ist ausgelöscht auf ewig. Niemals werden wir sie wiedersehen, diese edelmütige Unterwürfigkeit, diesen würdevollen Gehorsam, diese Dienstbarkeit der Herzen, die selbst in Sklavenseelen den Geist und die Gefühle einer erhabenen Freiheit hauchte. Der unerkaufte Reiz des Lebens, die Wohlfeile Verteidigung der Nationen, die Pflanzschule männlicher Gesinnungen und heroischer Tate ist dahin. Sie ist dahin, diese Feinheit des Ehrgefühls, diese Keuschheit des Stolzes, die einen Schimpf wie eine Wunde fühlte, die den Mut befeuerte, indem sie die Wildheit niederschlug, die alles adelte, was sie berührte, und unter der das Laster selbst seine halbe Schrecklichkeit einbüßte, indem es seine ganze Rohheit verlor.

Dies aus Meinungen und Gefühlen zusammengebaute System hatte seinen Ursprung in den Ritterbegriffen des Mittelalters. … Sollte dieses System jemals gänzlich ausgerottet werden, der Verlust würde wahrlich sehr groß sein. Ihm hat das neuere Europa seinen eigentümlichen Charakter zu danken. … Ohne Zepter und Rute unterwarf es seiner Herrschaft den Übermut der Macht und Größe, nötigte Regenten, sich in das sanfte Joch der gesellschaftlichen Achtung zu schmiegen, zwang finstere Allgewalt, ihre Knie vor den Grazien zu beugen, und machte den unumschränkten Beherrscher, der schon über den Gesetzten thronte, zu einem Untertan im Reich der Sitte.“

 

Nicht nur weil nun eintausend Jahre alt: zu lesen und deuten unter Vorbehalt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder aktuellem Geschehen sind nicht zufällig.

Hans Ulrich Gumbrecht: Was soll man jetzt noch mit der Vergangenheit anfangen?

Massaker in Frankreich – von steinernen Lebensräumen

Die Wortwahl ist starker Tobak, der wie die Gitanes so ganz außer Gebrauch gekommen ist – nicht nur in den Lungenflügeln, auch auf Plätzen in frischer Luft und im öffentlichen Diskursraum, wie man so sagt. Auch Wirbelwind ist heute ja längst durch Tornado (lat. ich drehe) ersetzt, wenn auch noch nicht in der kaum noch gebräuchlichen Redewendung zur Schnelligkeit, die im politischen Handeln weniger, auf deutschen Autobahnen ohne Stau eher für Bewegung sorgt. Windhose sagt keiner mehr. Sei’s d’rum. „Massacre en France“ las ich unlängst in Lepoint. Das ist, auch vor dem Hintergrund der jüngsten Attentate, durchaus reißerisch, das Wort schon inflationär. Massaker meint ja die politisch ideologisch, immer wieder auch ethnisch motivierte Hinrichtung Vieler, oft von Zivilisten, die Niederschlagung von Aufständen oder – im Film – die falsche Anwendung von Kettensägen. Das Wort ist altfranzösischen Ursprungs, maçacre, Schlächterei. Mit Purifiér und Détruire (Läutern und Zerstören) brachte Jacques Sémelin (Purifier et détruire : Usages politiques des massacres et génocides, Edition Seuil 2005) den grausligen Kern begrifflich auf den Punkt. Hier, in Le Point, geht es jedoch, und das entspannt nur auf den ersten Blick, um den vermehrten Abriß von Kirchgebäuden, der auch auf zahlreichen Videos im Internet erfahrbar ist.

http://www.lepoint.fr/culture/une-vague-de-demolition-d-eglises-menace-le-patrimoine-13-08-2013-1713609_3.php

https://www.youtube.com/watch?v=oIALMbJ69Rs

http://insitu.revues.org/5563

Das ist, auch für Deutschland, nicht ganz so neu wenngleich von gestern erst, brandaktuell sozusagen, von den Synagogen vorgestern nicht zu reden. Dankwart Guratzsch hatte vor zwei Jahren schon darauf aufmerksam gemacht (http://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article118264291/Deutsche-Kirchen-entweiht-umgenutzt-abgerissen.html), zuvor schon Hanno Rauterberg (http://www.zeit.de/2004/11/Kirchenleerstand ). Und mit http://www.kirchenschwinden.de/ gibt’s die Webseite dazu. Das Thema bekommt aber mit den Unternehmungen im Nahen Osten einen besonderen Geschmack. Und wie man sieht, handelt es sich hier um ein zumindest westeuropäisches Phänomen, ja, eine europäische Frage, für das eine Brüsseler Paßform zu fehlen scheint.

Es geht um eine ordentlich lange Tradition von Bauwerken, in deren Zentrum – man muß heuer schon sagen ursprünglich – der Kult um Jesus Christus, den Gekreuzigten stand und welcher, zählt man seine Glaubensbrüder und Schwestern hinzu, Opfer eines Massakers in römischer Tradition wurde. Das Kreuz ist dann das der Kirche, ihrer raumzeitlichen Konfiguration und zumeist ihres Grundrisses. Immer weniger, aber doch flächendeckend handelt es sich hierbei um das jeweilige Zentrum des Gemeindelebens, sozial wie räumlich, als Ort zeremonialer Akte wie Taufe, Hochzeit und Sterbeamt, die Wegmarken eines jeden Lebens waren und sind, ein Zentrum, von dem nach allsonntäglicher Versammlung der Weg weiterführte, in die Küchen für den Sonntagsbraten, wenn es denn einen gab, und in die Schänken und Tavernen, zur Vertiefung sozialer Interaktion – und zur immer wieder neu beförderten Befriedung des Zusammenlebens (sehen wir von Aufruhr, ja Umstürzen durch Predigten einmal ab). Das ist heute in vielen Regionen immer noch so, auch in Frankreich, wo nicht selten die Messen von afrikanischen Priestern gehalten werden – Nachwuchsmangel im Kernland christlichen Glaubens und junge Gemeinden im abendländischen Jenseits.

Der Zeit des Erschlaffens im Westen, ausbalanciert mit götzenhaftem Dienst an Sport und Körper, assistiert mit dem Fetisch allerhand batteriebetriebenen Gadgets zur Vermessung und Stimulierung des Körpers; dem scheinbaren, meist teurem doch eigentlich fragilem Wohlbefinden in der westlichen Wellness-Ecke, steht ein Erstarken im Osten gegenüber, das sich die Verachtung genau dieser Zuständlichkeiten als Zentrum ihrer Beseelung auf die Fahnen geschrieben hat. Das eines ihrer Kürzel für ein Kult steht, dessen Dekadenz sich vortrefflich für ein Kapitel in Salman Rushdies Satanischen Versen eignet, ist ungewollte Komik. Besonders die römische Umprägung der ägyptischen Gottheit Isis, ihre Verschmelzung mit Aphrodite bis hin zum Myterienkult in Apuleios‘ Goldenem Esel muß für die geschichtsvergessenen, irren, selbsternannten Kämpfer problematisch sein, wenn der Blinde denn sein Spiegelbild sähe. Aber wer kennt da schon seine lateinischen Autoren. Die Bibliothek hat hier nur ein Buch.

Die Bilder solch blinder, handgreiflicher, unterbelichteter weil unaufgeklärter Zerstörung der Schergen des Islamischen Staates zwischen Hatra, Nimrud und Palmyra sind in vieler Munde, etlichen Köpfen und gehen kaum noch aus dem Sinn. Sogenanntes Weltkulturerbe (Unesco; Slogan: Building Peace in Minds) geht unwiederbringlich verloren. Tausendmal elender freilich die Menschen, die Frauen und Kindern angetane Gewalt. Das stürzt in Abgründe. Was sind hier Steine dagegen. Doch bei aller gebotenen Verhältnismäßigkeit: Die Steine bilden die Orte für menschenwürdiges Dasein, für die Identifikation des Ichs in der Welt, eines Inderweltsein, welches Traditionen und Identitäten über Jahrhunderte hinweg ausgebildet haben. Ein essentielles Bedürfnis humanen Lebens, um die Geworfenheit zumindest im Ansatz in ein Gefühl von Geborgenheit umzuprägen, einen Ort zu finden. Die schändliche Funktionalisierung von Kindern, die im antiken Theater Palmyras Exekutionen zu vollstrecken hatten, setzt hier mit einer radikalen Entbeinung an. Ein antikes Drama fernab seiner Athener Bändigung. Und nicht ohne Grund enthauptete der IS den archäologischen Leiter der Ausgrabungsstätte Palmyra, Khaled Asaad, der ein halbes Jahrhundert am Erhalt dieses Erbes, eines magischen Ortes gearbeitet, dafür gelebt hat. Das Vorzeigen seines geschändeten Kadavers, aufgehängt an einer antiken Säule seiner Wirkungsstätte, verklebt in archaischer Perfidie Menschen- und Architekturkörper. Die berichtete Zerstückelung des geschundenen Körpers als Auslöschung wurde mit einer wohl dosierten Folge von Sprengungen ikonischer Orte, des Baalschamin-Tempels, des Baal-Tempels und nun auch der einzigartigen Grabtürme fortgeschrieben. Es sind die damit erzeugten Bilder, die hier Macht vervielfältigen und ausüben, multipliziert in digitaler Windeseile. Da hilft kein Kriegsvölkerrecht, dessen Abstraktion weder gegen den Würgereiz noch die Wut ankommt und dessen ausbleibende Durchsetzung in Hoffnungslosigkeit stürzt. Die Gleichgültigkeit oder Ignoranz, mit der man der allumfassenden Zerstörung eines – meist auch wörtlich – herausragenden Teils der Lebenswirklichkeit begegnet, macht Platz für andere, fremde Vorstellungen, die man begrüßen oder auch ablehnen kann. Sie nimmt jedenfalls Teil an der Aufgabe und am Löschen mehr oder minder verbindlicher gemeinsamer Nenner, ist Selbstaufgabe, die auch Resultat einer Ignoranz oder Verweigerung ist, die jeglicher Anstrengung ausweicht. Dem Joggen mit iWatch folgt die platte Belohnung im Spiegel auf dem Fuß, sich in martialischer, fleckgetarnter Aufmachung mit Farbbeutelchen zu beschießen ist infantiles Spiel und ohne Frage ungefährlicher, zumal auch am Bildschirm simulierbar. Das macht auch Assasins Creed – Unity[!], mit etlichen Fehlern, ich meine die historischen, nicht die „Bugs“, auf daß das Regime des Terreur uns, die wir uns zu Plastikhelden aufschwingen, wohlig Gruseln macht. Schande.

Frankreich kennt im Durchgang durch seine Große Revolution die grundlegende Bedeutung sichtbarer Zeichen, gebauter Orte und Räume für die mentale Verfaßtheit und Festigung, wenn es um Überzeugungen und Lebensformen geht, die zugleich die Stärke der Macht aber auch die Kraft der Gemeinschaft ausmachen. Es hat die Auswirkungen der Mechanismen am eignen Leibe erfahren, wenn es darum geht, diese in Stein gemeißelte Macht zu brechen. Die tausendfach enthaupteten Heiligen und Könige seiner Kirchen, die zu Fall gebrachten Standbilder haben schon damals als bildhaft symbolischer Akt abertausenden Guillotinierten und bei lebendigem Leibe Verbrannten entsprochen. Bei allen Errungenschaften der Republik, bei allen echten oder vermeintlichen Ordnungen von Gleichheit und Brüderlichkeit, noch heute feiert es seine verblassende übergreifende Identität in zeremoniellen Akten, in Paraden à la Louis XIV und in historisch aufgeladenen Kulissen, die die abendländische Kultur lange vor dem Heiligen Ludwig ausgebildet und fortgeschrieben hat. Das stiftet Identität qua Raumorganisation, und ohne Bilder bliebe sie unterbelichtet.

Licht der Welt

Nein, es geht an dieser Stelle nicht um Laizismus und die Garantie freier Religionsausübung. Die im Gefolge John Lockes in der Aufklärung diskutierte Frage mündete 1794 in die Entscheidung des Nationalkonvents, keinen Staatsetat für die Kirchen zu gewähren. Von der Dreyfus-Affäre bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Vatikan zieht sich die Frage durch die Geschichte der Republik, die um 1905 – auf Initiative Aristide Briands – die Trennung von Staat und Kirche verfügt. Das Verb in Artikel 2 (Article 2 : « La République ne reconnaît, ne salarie ni ne subventionne aucun culte ».)  ist mehr als bloße Abschaffung, ist aktives Nichtkennen, dem gleichwohl die Inventarisierung des Kirchenbesitzes und der seit der Revolution in Besitz der Republik übertragenen Güter folgte. Wie verzwickt sich das bis heute auswirkt, ist am Sonderstatus des Départements Alsace-Moselle zu erkennen, Regionen die während der Proklamation des Gesetzes nicht zu Frankreich gehörten. Die in den Jahren 2000 und 2003 assistierenden Gesetze, die Religionsunterricht und dann auch das Tragen religiöser Zeichen an öffentlichen Schulen verbieten, haben letztlich in Teilen der französischen Bevölkerung (man mag hier von einem der sozialen Subsysteme sprechen, in welchen die Bevölkerung Frankreichs mehr oder weniger organisiert oder zerfallen ist) ebensosehr eine Gegenreaktion heraufbeschworen, wie zahlreiche Regelungen zu den Vielgeschlechtlichkeiten samt Kinderwunsch, den kaum jemand geäußert hat. Da hat es der Schulunterricht unter dem Titel moral et civique schwer Verbindlichkeiten zu erzeugen. Die historische Dimension und die kulturanthroplogische Abhängigkeit des Wertesystems, einer Moral zu reflektieren heißt auch zu wissen, daß hier Revolution erst gestern war, sie definiert sich nicht einfach mit politischem Dekret sonders ist dynamisches Ergebnis von Lebenskreisen. Bereits 2004 hatte Nicolas Sarkozy in einem Buch, La République, les religions, l’espérance, die Möglichkeit einer moderaten Revision verkünden lassen, indem er für den Staat die Möglichkeit sucht, die Geldströme, die zur Finanzierung des Kultes nötig sind, zu kontrollieren und Einfluß auf die Prägung oder Ausrichtung von Prêtres, Pasteurs und besonders der Imame zu nehmen. All‘ das, und die Tatsache, daß die Kirchen Frankreichs sich im Prinzip selbst zu finanzieren haben, führte nicht nur weit weg von jeder Idee einer europaweiten Homogenisierung der Steuerlandschaften. Die Diskussion des Konzepts hat gerade wieder begonnen (Jean-Paul Brighelli: Liberté – Égalité : Laïcité, 2015).

Das im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 sich in Deutschland ausbildende System, mit staatlich garantiertem Hoheitsrecht und demjenigen auf Steuererhebung verankerte sich in der Weimarer Verfassung, und die Nationalsozialisten führten den Kirchensteuereinzug durch den Arbeitgeber als staatliche Aufgabe ein. Das ist ein Modell, übernommen vom westdeutschen Nachkriegsstaat, das mit der Wi(e)dervereinigung neu diskutiert wurde. 2012 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass ein reiner Austritt aus der Kirchensteuer, aber nicht aus der katholischen Kirche als Glaubensgemeinschaft, in Deutschland nicht möglich ist.

In fast allen bundesdeutschen Ländern beträgt diese Steuer 9% der Einkommensteuer, zusätzlich das Kirchgeld in einigen Ländern. Das führte zu Einnahmen in 2014 von ca. 10 Milliarden Euro für die evangelische und katholische Konfession. Doch die Trennung der weltlichen, steuerfinanzierten und kirchlichen, spendenfinanzierten Sparbüchsen ist nicht nur den Franzosen eigen. In Polen, ein Land mit einer ohne Frage aktiven Kirchengemeinde, finanziert man sich ausschließlich über Spenden und kircheneigene Geschäftsmodelle. In Brasilien zahlen nur Katholiken keine konfessionellen Steuer –  verlieren im Vergleich zu anderen Konfessionen dennoch die meisten Mitglieder. Wie dem auch sei, in Deutschland reichten die Etats aus, die Limburger Bischofswohnung herzurichten.

Nun ist also in Frankreich der Staat für den Erhalt des immobilen Kirchengutes verantwortlich, für sein Patrimoine genanntes nationales Gut, das mit seinen herausragendsten Beispielen auch bedeutender ökonomischer, touristischer Faktor ist. Die Kathedralen der Ile de France sind der Renner im Programm der Bildungsreisen, Sacre Coeur ernährt als Pilger- und Selfiekirche mittelbar ein Heer an Regenschirm- und Wasserverkäufer die aus ihren Heimatländern ganz andere Wasserverhältnisse kennen. Solcherart Situation, die endlosen Schlangen vor Notre Dame de Paris, all‘ das war zur Hochzeit der Pilgerkirchen nicht anders, einschließlich der Schänken, nur wird das Seelenheil heute anders, weniger dogmatisch „definiert“. Und wo sind seine Orte? Selbst die große Pariser Moschee – gegenüber dem Naturkundemuseum mit seiner evolutionsbiologischen Galerie – hat erkannt, daß das Betreiben eines Kaffeehauses (mit gutem Thé à la menthe) einen Gewinn darstellen kann. Es gibt dem Ort etwas Humanes und nimmt dem Image der Religion etwas von seiner asketischen Strenge und Rigorosität. Von den um 1300 existierenden 250 Zisterzienserklöstern in Frankreich sind heute noch zwei in ordentlichem Betrieb. Jüngere Mönche des Ordens finden sich eher in Vietnam. In Frankreich hinzugekommen sind bis heute einige Zen-Klöster und etliche Moscheen. Was hat man denn gedacht, was Globalisierung bedeutet, außerhalb der Banken und Konzerne? Eine fast schon natürliche oder mathematisch stringente Entwicklung, ein Kalkül aus Vorschulzeiten. Bei steigender muselmanischer Population erhöht sich die Zahl der Moscheen selbstredend, die Spanier können ein Lied davon singen und Epen der Weltliteratur zitieren. Am Beispiel der Hagia Sophia läßt sich die aus Abstand fast ungezwungen scheinende Umnutzung, vom heidnischen, 404 im politischen Streit niedergebrannten Modellbau zum Christentum, dann zur Moschee und zum Museum bestaunen. Und was wäre die Welt ohne Neubauten. Einer der jüngsten ikonischen Kirchenbauten ist vielleicht Gaudis Sagrada Familia oder Corbusiers Notre Dame de Ronchamp. Doch hier schon macht sich die Aufweichung des zentralen Anliegens mit der Einführung des neuen Fetischs Kunst bemerkbar, was immer das ist. Die Orte sind heute mehr Museum als Sakralbau, der Wert der Kirche als Gebäude mißt sich an der angeblichen kunsthistorischen Bedeutsamkeit, die sich aus klapptafelverseuchten Touristenführern, zunehmend digital, erfahren läßt. Heute werden sicher mehr Museen als Kirchen gebaut (Berlin!). Sie sind auch aufwendiger und schöner als Kirchenneubauten in Waschbeton, mit dem Charme einer Feuerwehrstation im Industriepark im Nirgendwo. Die ikonische Betonisierung an jeder Ecke des globalen Jetset zwischen Weil am Rhein und Bilbao initiiert gleichfalls zahlkräftige Pilgerströme zu angebeteten Stararchitekten. Und auch Paris hat nun seinen Gehry, ein Handtaschenmuseum, das auch Buddisten verführt und sämtliche Konfessionen vereint. Zu sehen ist auch das Gleiche, das, was Dubai, New York und Schwäbisch Hall auch schon zeigten. Seelensuche als Reiseblogging mit Echtzeitbildern. Die Wiedererkennbarkeit fördert den Drang, das zu sehen, was man erwartet. Corporate Identity ist (noch) nicht die Identität der eigenen Lebenswelt. Plagiat und Tradition hängen verwickelter zusammen. Wer kennt schon die Namen der Baumeister des 19. Jahrhunderts?

Das Zentrum einer auch ethische Normen in die Lebensweltlichen Zusammenhänge einschreibenden Gemeinschaft löst sich auf. Sie tut dies vermehrt durch neue Medien- und Kommunikationsräume, deren Erfolg ja nun nicht so sehr auf die wertevermittelnde Darstellung moralisch festigender Zusammenhänge gründet. Der internalisierte Mord und Totschlag wiegt vielleicht schwerer als gedacht. Was als Amüsement verkauft wird ist nicht folgenlos, so wenig wie das gezwitscherte digitale Spiel mit Ideologien vor leibhaftigen Folgen bewahrt, im Gegenteil, hier werden aggressive Potentiale „kultiviert“, die auf’s echte Leben kaum kontrollierbar zurückwirken; mehr NSA? Wer will das, aber auch, wer braucht das nicht? Schon wurde in Frankreich an die Wiedereinführung der Wehrpflicht gedacht, weniger mit verteidigungsstrategischen Absichten als vor dem Hintergrund einer Vermittlung von Werten, eine Wertegemeinschaft die auf Rücksichtnahmen und Selbstlosem Einsatz beruht, für gemeinsam definierte Werte (Schule der Nation wurde das in Deutschland einmal genannt, seit der Kaiserzeit aber auch später noch), was auch immer das heißen mag für eine Armee, die von einer Verteidigungs- zu einer Interventionsarmee mutiert. Es geht die Kunde, sie, die man (ein Plagiat nach französischem Vorbild in der Art ihres Ex-Ministers?) bis zur Unkenntlichkeit schrumpfte (wer braucht schon territoriale Infrastukturen wenn er sich vor Katastrophen gefeit glaubt) wurde als Schule der Nation heute abgelöst von der KITA (was sich allein schon nach Tamagochi anhört). Wenn es so sein sollte, dann wäre dies ein vortreffliches Bild von der Infantilisierung des Abendlandes.

Wie auch immer, nur dann, wenn eine Gesellschaft – oder deren gewählte Vertreter – in ihr Gemeinwesen investiert, nur dann zahlt sich dies aus, und das ist hier nicht im Sinne eines kurzfristig nach Profit schielenden Investments gemeint. Das auf Dauer stellen solcher Rahmengebäude war mühselige Aufgabe vieler Jahrhunderte, mit Rückschlägen, gräuelbehafteten Nebenwirkungen, Bartholomäusnächten und inquisitorischen Bemühungen, auch gegen Sektierer, nur im Film auf Hexenjagden beschränkt.

Kultur ist Wechselspiel von Individuum und Gesellschaft, auch geprägt vom Mit- und Ineinander von Individuum, Gesellschaft und Raum, eine Art Klimatheorie des Stadtraumes. Wie sollte es anders auch sein? Zerstört man das räumliche Zentrum, befördert man Zersiedlung, nimmt man dem Menschen auch ein Teil seines Lebenszentrums, zerstückelt seine Orientierungsmarken.

Die Juni-Ausgabe von Le Point titelt: Comment peut-on être français ? 40 réflexions sur la nouvelle querelle de l’identité. Immerhin stellt man die Frage nach Selbstbild und der doch etwas komplexeren Bedingungen. Freilich ist die Frage hier auch leichter zu stellen. Zaghafte Vorstöße nach der Definition eines Leitbildes werden in Deutschland akkordiert mit sächsischen Parolen (nein, nicht nur in Sachsen), die ins Extrem gedrängtes Resultat des Aussparens, des Vakuums einer vorbehaltlosen Diskussion sind. Eine Querelle zu haben, hat in Frankreich Tradition. Das Aussprechen der ja tatsächlich vorhandenen Unterschiede ist erste Voraussetzung für ein Fortkommen, sowohl der Anciens als auch der Modernes.  Wozu beschäftig ein Staat ein Heer von Historikern, wenn politische Entscheidungen von ihren Erkenntnissen absehen zu können glauben? Vielleicht macht es auch die Sprache aus, die gesprochene wie die bildlich erworbene, so daß die Verteidigung des Französischen gegen die anglo-saxonische und arabische Sprachkultur ein Rezept sein mag. Für die Architektur gilt dies zweifellos weniger und wer hat seit der Postmoderne Lust auf einen neuen Historismus?

Kollektives Erinnerungsgebäude

Das föderale Deutschland leistete sich in jeder Kleinstadt ein Theater, ehemals auch ein Ballett, heute vermehrt – wenn schon keine Universität – ein Museum für zeitgenössische Kunst. Im zentralistischen Frankreich verbraucht die Hauptstadt viel. Doch die Kommunen, in größeren Städten die Stadtteile, kommen ohne den Neubau einer Mediathek kaum aus. In Deutschland fuhren zu meiner Zeit Bibliotheksbusse durch die mit Büchern unterversorgen Regionen. Die vorbildliche Versorgung der jungen Generationen (oft auch der Senioren) ist hier, in Frankreich bewundernswert. Was aber genau wird hier vermittelt? Internetanschluß, Bandes dessinées (Comics) im Überfluß, Arbeitsräume für Schulaufgaben immerhin. Der hilflose Versuch, auch in ungebildete (bildungsferne) Schichten Bildung und damit was, Befriedung und Aufklärung hineinzutragen? Steht man in aussichtloser Konkurrenz zu den konfessionellen Schulen?: für das Christentum meist ehrenamtlich organisierter Katechismus-Unterricht und für den Islam eine Gemeindevermehrung durch hippe, oft gerade eben adoleszente Lehrer zwischen Rap und esoterisch umwandete Prediger mit unscharf alttestamentarischem bärtigem Flair. Und wenn dies alles so ist, wozu braucht man dann Kirchenbauten, deren verzwickelte Architektur einer größeren Pflege bedarf als die Dächer nach einem Jahrhundert zu erneuern. Da hat die Kölner Dombauhütte gut lachen, die ohne Unterlaß am Erhalt des Wahrzeichens arbeiten darf.

Jeder Ort hat ein Zentrum, das erkennbar zum erfahrenen Lebensmittelpunkt wird. Ja danach, nach Gravitationsgesetzen scheint das All gebaut. Die Planierung dieses Raumes wird ergänzt durch die Katalogisierung des Besonderen, dem Ausweis sogenannter Ressorts. Blogger, die uns zweidimensionale Abziehbildchen angeblich magischer Orte andienen, Weltkulturerbe-Listen, die das Außergewöhnliche in Ordnern zusammenstellen. Wir müssen also zahlen, für die Erfahrung intakter Lebenswelten, die selbstredenden nur im ausschnitthaften Konsumieren ihre Ganzheit wahren, sich als dezentralisiertes Konglomerat diverser Zentren intakter Virtualität zeigen.

Orte einer Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, also eines echten Austauschs verlieren an einen anonymem Informationsaustausch über Plattformen, die man nicht betreten kann, von welchen man gleichwohl eingesogen wird. Solcherlei Orwellsyndrom birgt nicht nur Gefahren täglicher Zusammenstöße auf Gehwegen und Straßen zwischen kurzsichtigen und in der Zeit verlorenen Jüngern degenerierender Smartphonespielchen.

Diesen innerlichen Zerstörungen (wer braucht da noch Alzheimer) entsprechen die echten, diejenigen der greifbaren, realen Lebenswelt, die niemand braucht, der im Bildschirm lebt – Insel und Gebiet. Stromausfall bedeutet hier existentielle Auslöschung.

Die Zerstörung von Kirchenbauten in Kriegszeiten ist seit den überlieferten antiken oder alttestamentarischen Tempelschleifungen entweder Kollateralschaden oder beabsichtigte Demonstration. Zerstörungen sind Ausdruck konkurrierender Machtansprüche. Deutschlands Beitrag zur Zerstörung französischer Kirchen in Kriegszeiten (ihr Schutz im Rahmen der Haager Konventionen ist bisweilen auch überliefert) kann hier deshalb erwähnt werden, weil es für die nationale Perspektive stehen kann, die bis in die Neuzeit hinein ja eben nicht zum Tragen kommt. Sie ist auch deshalb von Bedeutung, weil sich an der Diskussion über das Gothische seit dem 19. Jahrhundert auch ein Streit auf dem Feld intellektueller Arbeit an Vormachtansprüchen ausdrückt. Hier geht es, positiv gewendet, um die Frage nach ihren Ursprüngen, nach Erfindergeist und vermeintlich nationaler Charaktere, die sich in Steinen ausdrückt. So oder so scheint die Kirche und ihr Bild als Ausdruck auch nationaler Identität auf, auch wenn die mittelalterlichen Erbauer nach anderen Kriterien entschieden. Nun scheint sich zwar auch in Deutschland eine Art Renaissance dieser Nationalgedanken anzubahnen, doch als unbefangene Parole ist sie mehr noch „den Franzosen“ eigen, die ihrer Grande Nation einen Eigenwert zusprechen. Doch wer keinen Baudelaire liest (von Schiller nicht zu reden) mag seine nationale Identität im Fußball oder über Biermarken entdecken.

Kirchen werden veräußert, auch in Berlin, aber nicht nur, werden zum Einfamilienhaus oder Loft, zum Hotelbetrieb, zur Shopping Mall, als Disco benutzt oder, wie es heuer in England sich anschickt Mode zu werden, als Ort für‘s „Champen“ (Church Camping) einer neuen Funktion zugeführt. Der Churches Conservation Trust verwaltet hier etwa 350 leerstehende Kirchengebäude, wie etwa St Cyriac and St Julitta in Swaffham nördlich von London. Campingtoiletten in der Sakristei. Vielleicht mag das vor Abriß bewahren.

Wir kennen viele Beispiele für eine Umnutzung von Kirchen, als Lazarett, Schule, Stallung, Kornspeicher, Turnhalle, Feuerwehrhaus oder Bürgermeisteramt. Die Kunstgeschichte kennt die übliche, tausendfache Niederlegung von Kichenbauten, doch um in noch hellem Glanz neu zu erstehen, auf den Mauern der Vorgängerbauten. Handelt es sich also heute weniger um ein zu schnell, um die Hektik moderner Lebenswelt als um einen Stillstand, quasi den Abbruch einer Bewegung, die in der Veränderung ein Fortschreiben sieht? Dann bräuchte man Klarheit darüber, was man denn will und wer das entscheidende „man“ denn sein sollte. Im Falle der baufälligen oder als überflüssig deklarierten französischen Kirchenbauten scheint weniger „das Volk“ als seine Vertretung in Gestalt einer Administration nach Maßgabe von Budgets zu entscheiden.

Die für die Umschreibung des und für die Positionierung im Schlamassel der Griechenlandkrise geltend gemachte Geschichte des Abendlandes (Vincent Azoulay: „Unsere geliebte Europa, wir sollten es nicht vergessen, ist eine von Zeus entführte syrische Prinzessin“ … „das zeitgenössische Europa ohne Griechenland eine Amputierte“) entlarvt eher ein ahistorisches Verständnis der Dinge, indem man sich extremst verkürzte Konzepte, auf Parolen einer Scheerenschnittgeschichte beruft. „Es gibt Bücher, Videos und Bilder, die an die Geschichte erinnern, und nicht zuletzt das Internet. Warum sind die Steine so wichtig?“ ( http://www.zeit.de/2015/36/palmyra-islamischer-staat-macht-wilhelm-heitmeyer/seite-2 ). Die Frage erklärt selbst das Dilemma und die realitätsferne Perspektive.

Velázquez an der Seine – eine Unzeitgemäße

Was hat Velázquez in Paris zu suchen? Und wieso schon wieder Velázquez? Die Sehnsucht nach dem Glanz des Siglo de oro ist sicher zentraler Lebensmittelpunkt des Abendländers heute, wäre hier aber – allein schon aus Mangel historischer Kenntnisse – kaum Grund genug für die Wahl des Ortes, selbst in der Hauptstadt des Luxus und der Moden.

Nach den großartigen Ausstellungen in New York (darum kommt man heute nicht herum, auch wegen Boston), in Madrid (wo die meisten Bilder einfach hingehören) und London (aus historischen Gründen und qualitätvoll) nun Paris, dessen geringfügige Bestände an kleinformatigen Familienportraits (Anna von Österreich wollte sie, wohl aus familiären Beweggründen um sich haben) kaum das Vermögen des über die Jahrhunderte so wirkmächtigen Spaniers, der fast wie nebenbei auch Maler war, großartig zu erhellen. In Wien, ja hier ist die letztjährig als erste „Velasquez-Ausstellung im deutschsprachigen Raum“ angezeigte Bilderschau am rechten Fleck, wenngleich mehr aufgrund der beiden Häuser Habsburg und in welcher Sprache auch immer. Immerhin eröffnet von Ihre Altesse Royale Letizia (zusammen mit Heinz Fischer), die als Bourbonin weniger für genealogische Bezüge zum Thema steht, sondern, schön anzuschauen, die diplomatische Folie für den „natürlichen“ Leihgeber, das Museo del Prado, steht („als Zeichen der auch heute guten Beziehungen“). Auch? Ach, ja, die Geschichte: der Schachzug des Sonnenkönigs, mit seinem Neffen Philippe d’Anjou die spanische Krone unter bourbonische Herrschaft zu stellen, kam seinerzeit in Wien weniger gut an. Nun denn, die famose Sammlung des Wiener Museums, seinerzeit nach Madrid entliehen, war Grund genug, sich zu revanchieren.

Ausstellungspalast

Nun aber Paris. Sicher, der Louvre hätte sowohl aus Sicht von Etikette als auch was die Fragen des Prestige betrifft, ein angemessener Ort sein können. Mit dem Grand Palais und seiner Messearchitektur als Ausstellungsort, der freilich jedem Expo-Gelände moderner Machart vorzuziehen ist, sind Anzeichen einer Ökonomisierung des Betriebs (der Kunst und der reisenden Meisterwerke) kaum übersehbar. Hier braucht es auch keinerlei Glaspyramiden, um dem Ansturm der Traveller in Sachen Kunst und Kultur Herr zu werden. Doch nichts ist so exklusiv, wie es Fassaden zu simulieren versuchen. Allein die schiere Masse umbauten Raums macht den Platz frei, für ein Potpourri gleichzeitiger Ausstellungen, die in der Gesamtschau des Charakters einer Kulturkantine, mit breiter Auswahl zwischen veganen, paläolithischen und klassischen Gerichten, nicht entbehren. Vielleicht muß man die Minderung der Exklusivität als Demokratisierung auch der Herrschaftskunst nehmen; man kann nicht alles haben, vorallem nicht zugleich.

Reisen, Verpflegen und was es kosten darf

Wir wollen es nicht verübeln, wenn mit allerlei Begleitmaßnahmen, den Räumen der Abklingbecken mehr oder weniger passender Marketenderware am Ende des Parcours, das ökonomische Wagnis solcher teurer Unternehmungen durch den Verkauf von Bettwäsche und Notizheften (im Velázquez-Design; nach und nicht vor der Ausstellung) etwas vom Risiko genommen wird; allein die Versicherungskosten! Aber dann aber doch bitte mit passendem Imbiß, einen Cocido madrileño, mindestens hartgekochter Eier oder, für Liebhaber des Plakativen, einer Paella. Meinethalben gesponsert von Montaditos oder, auf den ersten Blick passender, vom Muséo del Jamon. Aber es geht ja um die Hände des Don Diego (der wenig Hände malen mag), wenngleich in Paris. In Kenntnis der Rezeptionsgeschichte hätte das auch Sinn machen können. Denn die Stadt der Moderne (ihre Bewohner, oder ein kleiner Teil davon) sah in ihm „bekanntlich“ den Vorläufer des gestisch aufgeladenen Pinsels (Toques), dessen Vermögen gleichwohl konzeptuell tiefgründiger war, als die Impressionisten vermuten lassen. Und nicht nur Manet (diese Ausstellung gab es auch schon) als Wiedergänger, auch die französische Kunstgeschichte hat sich um die Erinnerung an und die Beforschung des Spaniers verdient gemacht. Damals fuhr man noch nach Madrid. Heute fliegt man um die Welt und für den Preis des Eintritts fast schon mit dem Flieger in die Nähe alter Habsburger Macht. Da dauert das lästige Boarding kaum länger als das Warten in der Schlange zwischen Champs Elysee und Seine-Ufer. Von den langen Busreisen der Kulturanbieter zu schweigen: warum um Himmelswillen fahren wir in globalen Zeiten, die Spanischen Wein nach Stockholm und Kalifornischen nach Gummersbach bringen, nicht dorthin, wo die Bilder ohnehin „hängen“ und das aus historischem Grund.

Natürlich war die Ausstellung nicht enttäuschend, für den, der sich Mühe gibt mit dem Lesen (oder dem stummen Bewundern) der Bilder. Enttäuschend war die Ausstellung als solche, als Tamtam mit zu vielen Lücken, die durch den Ausfall der großformatigen, nicht reisefähigen Bilder entstand. Es scheint noch verantwortliche Restauratoren zu geben (oder Strategen gezielter Verknappung).

Drinnen

Hat man es nun geschafft, einzutreten in die Ausstellungsräume, die so gar nicht dem äußeren Format des Grand [!] Palais zu entsprechen vermögen, gerät zwar die Sevillaner Kunstszene zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Blick, erhellen sich in dunklen Räumen die Bezüge von farbiger Skulptur und Malerei, erwecken jedoch zugleich ein etwas düsteres, ja fast schon inquisitorisches Bild einer zu ihrer Zeit doch blühendsten Städte Europas. Die Sevillaner Bilder des Velázquez in einen solchen Kontext einzustellen nimmt diesen ihre Präsenz und macht den angeblichen Kontext zum schrägen Bild der Handelsmetropole, mit Bildern eines Genres religiös aufgeladener Belehrung durch Einfachheit. Es scheint das Konzept der Ausstellung gewesen zu sein, das Velázquezsche Oeuvre bis zum Ende mit Begleitwerken zu versehen (und damit die Scharte der fehlenden Werke auszuwetzen). Das führt in der Übersicht zu einem leicht unscharfen Bild des Ausnahmemalers, auch wenn dieser in seinen Bildern die Unschärfen zu optischen wie inhaltlich hintersinnigen Rätseln einsetzt. Zu gedrängt werden hier mittelmäßige Bilder und Meisterwerke abendländischer Kunstgeschichte dem Strom der immerhin Kunstinteressierten vorgesetzt. Werden die fulminanten Pendants, die rätselhaften Gemälde Josephs blutiger Rock und Apoll in der Schmiede des Vulkan aus Platzmangel übereck ins Gegenlicht gehängt? Wie die vielfältigen formalen Bezugnahmen erkennen, die Altes Testament und Ovids Metamorphosen so hintersinnig zum Argument der in Rom so brisant diskutierten Transsubstantiationslehre der 1630er Jahre konfrontieren?

Das zu seiner Zeit skandalschwangere Gemälde der Londoner Rockeby-Venus, allein das Sujet garantiert den Besucherstau, schöpft seinen Hintersinn eben nicht aus dem platten Präsentieren der koloristisch geschärft und gewölbten Partien der Venus, auch wenn die etwas schulbuchmäßig beigesellte und vom Louvre herangeschaffte Antike des Hermaphroditen Borghese das suggerieren mag. Ja, ein Hingucker, zweifellos und in Zeiten der vielen Geschlechter auch zeitgemäß. Ebenso zeitgemäß, in Zeiten von Attentaten, die auch das Bild in Form einer Messerattacke auf den Allerwertesten schon erleben mußte (freilich ungleich harmloser als die heutige Aufrüstung russischer Prägung), eine Installation, deren Sicherheitsabstandshalter doch erkennen lassen worum es hier geht: Spiegelungen, doppelter Boden (Rahmen), Augenbinden und Shades of Grey, Sehen und Verdecken, der thematische Dauerbrenner der Menschheit als Anlaß malerischer Selbstreflexion, fast Meditation, die sicher am gedachten Ort der Installation des Bildes leichter fallen mag, als im Defilé der schlanken Objekte des Grand Palais, das Karl L. so viel Freude macht.

Allein für den Blick auf solche Highlights der Kunstgeschichte (hier vervielfacht mit den Reflexleuchtlichtern rot schimmernder Elfenbeinhaut) steht man gerne mal an. Die Auswahl und Anzahl der wunderbaren Portraits (der Infanten und seiner selbst) hätte genügt, etwas vom Außergewöhnlichen des Malers erfahrbar zu machen. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn das Auffüllen der Wände mit spanischen Malerkollegen (deren Bilder), die dermaßen abfallen, das wußten wir schon vorher, wirkt auf das interessierte Publikum verwirrend und auf den Connaisseur unverständlich. Del Mazos Präsenz, damals im Atelier und heute in der Ausstellung, verdankt sich der Einheirat, nicht seinem Vermögen, wie das auch heute noch so geht, mit Schwiegersöhnen. Wenn das ikonische Werk der Meninas nicht reisen darf (ein Teil des Mythos?), dann ist es abwesend. Das Surrogat der schlechten Kopie macht es aber schlimmer denn erträglich. Als Zumutung dürfen aber die vielen, auf den ersten Blick minderbegabten Malereien angesprochen werden, die mit der Etikettierung „Velázquez“ dem Maler Unrecht antun und dem Besitzer (in der Regel einer Collection privée) einen Gefallen. Da will man nicht wissen, was das soll.

Fast geschafft

Und zum Ausklang ein Gimmick, welches sich freilich auf die vielen Rekonstruktionen damaliger Räumlichkeiten bezieht und in einer an die Grenze zum Albernen Simulation einer vermuteten authentischen Hängung oder Nutzung ist. Die Reiterportraits der königlichen Familie im Thronsaal des Buen Retiro aufrufend (nein, das Gemälde des Sieges vor Breda war auch zu groß für die Reise), hängt das als Supraporte konzipierte Portrait des kleinen Thronfolgers Balthasar Carlos viel zu tief, als daß man die Anlage auf Untersichtigkeit nachvollziehen könnte. Da ist die geringe Deckenhöhe des Grand Palais vor. Das Modello des in der Levade präsentierenden Schimmels, welches mit dem Gerüst oder Hochsitz (ohne Puppe!) als Blaupause für die Arbeit an den Reiterportraits gedient haben mag, erinnert heute mehr an die Stellwände der Jahrmarktsbuden mit ihren Löchern, durch welche ein jeder Kopf gesteckt werden kann, es fehlt nur noch die Torte. Kein erhabener, würdiger oder eines Habsburger Herrschers angemessener Abschluß einer Ausstellung zum Jahrhundertmaler, der als nuestro gran Ticiano das Bild spanischer Grandezza geprägt hat.

Um die Ecke

In der Gewißheit, daß viele Besucher den Werken zuviele Volumen an feuchter Atemluft zugemutet haben, die Besucherzahlen blieben hinter den Erwartungen zurück. Das mag auch an der zeitgleichen Ausstellung zum Modeschöpfer Jean Paul Gaultier gleich nebenan gelegen haben. Hier macht Paris nun wirklich Sinn (nach etlichen Stationen nach Montreal!). Ein großartiger Erfolg, auch wenn Gaultier partout darauf beharrt, Handwerker und nicht Künstler zu sein. Und das versteht er gut. Und vielleicht täte es auch gut, im Ausstellungmachen zuallererst das Handwerk zu sehen. Sein Katalog (Gaultiers) glänzt mit ein paar wenigen Seiten Text. Die Bilder (Photograhie) sprechen ihre Sprache und kommen zu Wort. Und auch die letzte Chance, mit dem Ausstellungskatalog (Velázquez) neue Fragen aufzuwerfen, zumindest den Stand der Forschung zu referieren, entsprach wohl nicht der Intention der Macher. Kunstgeschichte ist heute bekanntlich global geworden (wie auch immer das zu bewerten ist). Zu Velázquez wurde dabei auch geforscht. Dies einzuholen scheitert auch oft an Sprachvermögen, Zeit und Perspektive, die keine der puren Ökonomie sein kann.